INTERVIEW – Möbel, die mit uns kommunizieren? Das ist die Zukunft, ist Giulia Molteni überzeugt. Sie muss es wissen: In der dritten Generation leitet sie die Firma mit, die einst ihr Grossvater gegründet hat.

Von Renata Libal

Ratio by Vincent Van Duysen 03_HRWenn man den Möbelhersteller Molteni mit einem Gefühl umschreiben müsste, dann wär es zweifellos diese fliessende Sanftheit, die man erfährt, wenn man die Fronttür eines Möbelstücks öffnet. Luftig leicht geht das vonstatten, fast so, wie wenn sich eine Wolke teilt – und etwas betrübt denkt man an die quietschenden Scharniere der eigenen Stücke zuhause, an ihre doch etwas schweren Fronten, an die Kraft, die es braucht, um sie aufzubekommen.

Genau darin liegt die Kunst von Molteni: in der Meisterschaft selbst im verborgendsten Detail. In der absoluten Perfektion. Natürlich sieht man den Sofas, Tischen und Regalen der Prestige-Marke von weitem an, dass sie guter Geschmack in Reinform sind. Doch den ihnen innewohnenden Luxus begreift man erst, wenn man sieht, mit welcher Sorgfalt ein Stück Holz bearbeitet, ein Marmor ausgesucht, ein Sessel genäht wurde.

Wie es sich gehört mit einer «Mascherina» ausgestattet und auf einem Sofa der neuen Octave-Kollektion sitzend, erzählt Giulia Molteni mit Leidenschaft von der Mission des Familienunternehmens. Giulia leitet Marketing und Kommunikation; vor allem aber verkörpert sie perfekt diese dritte Generation, die aktuell am Ruder und ebenso kosmopolitisch wie tief verankert in der italiensichen Eleganz ist: ungezwungen, aber bitte von allererster Güte.

Gegründet hat die Firma 1934 Angelo Molteni, der Grossvater von Giulia, in Giussano in der lombardischen Provinz Monza und Brianza, die als die Wiege des italienischen Möbeldesigns gilt. Sehr bald setzte Angelo auf Entwürfe, die von der puristischen Tradition Skandinaviens beeinflusst waren. 1961 war er Mitbegründer des berühmten Salone del Mobile, der dieses Jahr zum allerersten Mal ausfallen musste; im Lauf seiner Karriere arbeitete er mit den grössten Talenten seiner Epoche zusammen: Afra und Tobia Scarpa, Aldo Rossi, später auch Jean Nouvel und Patricia Urquiola.

Heute umfasst die Molteni Group vier Marken, alle hochluxuriös: Molteni für Möbel, DADA für Küchen, UniFor und Citterio im Bürobereich. Mit einem konsolidierten Jahresumsatz von 365 Millionen Euro (Schätzung 2019), 52 Verkaufsstellen rund um den Globus und fast 1000 Angestellten ist Molteni zwar kein Gigant. Doch das Know-how der Firma in Sachen Handwerk, ihre eigenständige Produktion und ihr Flair für den Zeitgeist haben in den letzten Jahren für konstanten Aufwind gesorgt. Giulia Molteni ist zudem Feuer und Flamme für die wohl grösste Revolution derzeit: jene der Digitalisierung. Ob Verkauf, Kundenkontakt oder – vor allem – die digitale Verbindung eines Schrank mit seinem Besitzer: Die Zukunft gehört den kommunizierenden Möbeln.

Wie erging es Ihnen und der Firma während des Lockdowns?

Wir haben noch nie so viel gearbeitet! Schnell war die Entscheidung gefällt, die Lancierung unserer Neuheiten 2020 auf digitalem Weg durchzuführen und einen virtuellen Besuch unserer Verkaufsräume anzubieten, bei dem man sich so lang bei einem Möbel aufhalten kann, wie man möchte, und wirklich jedes Detail studieren kann. Das bedeutete allerdings einen ungeheuren Aufwand, vor allem, weil dazu eine technische Expertise nötig war, über die wir selbst nicht verfügen. Wir wandten uns an externe Firmen, haben uns weitergebildet – und im Juni waren wir startklar. Momentan kann man das Angebot nur bei unseren Einzelhändlern nutzen, da diese Technik natürlich auch für Kopisten interessant ist. Aber ich bin sicher, dass diese Art einzukaufen künftig zum Standard gehören wird. Zudem lancieren wir nun auch den Onlineverkauf: in den USA im November, in Europa Anfang des kommenden Jahres.

Kann das im Möbelbereich funktionieren? Gerade da will man doch das Material anfassen, das Sofa probesitzen, das Bett probeliegen…

Die beiden Arten, Möbel zu erleben, ergänzen sich. Ich glaube auch nicht, dass künftig jemand ein Sofa kaufen wird, ohne wirklich darauf gesessen zu haben. Andererseits: Beim Möbelkauf sind oft mehrere Leute beteiligt, Familienmitglieder, manchmal Freunde, ein Inneneinrichter… Ein erster virtueller Blick dank eines Konfigurationsprogramms ist eine gute Vorbereitung für den Besuch im Showroom. Bald werden wir den Kunden auch Stoffproben nachhause schicken können, wo sie diese dann neben den schon vorhandenen Teppich halten und im Licht ihrer eigenen Leuchte betrachten können. Unsere Möbel sind kostspielig; die verschiedenen Wege, sich mit ihnen vertraut zu machen, werden künftig dabei helfen, die richtige Wahl zu treffen.

Aber die Produktion hat doch gewiss gelitten.

Nicht wirklich. Wir produzieren zu 90 Prozent inhouse, das Gros der Möbel wird in den Ateliers hergestellt, die sie hier durchs Fenster sehen. Wir haben sehr schnell die Abstandsregeln in der Produktion angepasst, so dass wir kaum einen Fabrikationsunterbruch hatten. Zudem sind wir nicht von Zwischenhändlern abhängig.

Noch nie haben wir so viel Zeit in unseren vier Wänden verbracht wie 2020. Was bedeutet das für die Möbelbranche?

Ich glaube, nun hat eine neue Ära begonnen: Eine, in der man Möbel wirklich für sich selbst kauft, und nicht, weil man damit Gäste beeindrucken will. Wir alle brauchen Schönheit in unserem Leben. Aber die muss zwingend auch funktional sein. Komfort wird nun zum Qualitätskriterium Nummer eins. Für Molteni sind das gute Neuigkeiten: Wir sind schon immer auf die individuellen Bedürfnisse der Kunden eingegangen. Und nun werden wir sogar noch einen Schritt weitergehen.

Hector by Vincent Van Duysen 02_HRGeben Sie uns ein Beispiel aus der aktuellen Kollektion?

Hector ist eine modulable Bibliothek, die unser Chefdesigner Vincent Van Duysen entworfen hat. Sie besteht aus Regalen und Schrankelementen, die sich beliebig kombinieren lassen. Während des Lockdowns hat Vincent festgestellt, dass viele Leute zuhause nach einem Platz suchten, wo sie ihr Home-Office einrichten können. Also hat er sich hingesetzt und hat ein zusätzliches Modul entworfen, dessen Front heruntergeklappt als Schreibtisch dient. Klappt man es hoch, sind Arbeitsutensilien und Laptop elegant versorgt. Dieses Gefühl von Komfort, bei dem, wenn nötig, alles in Griffweite ist: Das macht unsere Vision von Möbeln im Kern aus.

Bei Ihren Küchen ist es ganz ähnlich.

Natürlich! Viele Leute haben begonnen, gemeinsam zu kochen. Also braucht es entsprechende Küchen, zum Beispiel mit geräumigeren Kühlschränken.

Wie wird sich das Wohnen künftig sonst noch verändern?

Wir umgeben uns gern mit natürlichen Materialien: mit Leder, Wolle, Stein, Holz… In diesem Zusammenhang kommt mir spontan der Marmortisch von Michael Anastassiades in den Sinn. Naturmaterialien berührt man gern, und mir scheint, die Leute sehnen sich nach mehr sinnlichen Erfahrungen im Alltag. Darüber hinaus sind diese Werkstoffe langlebig. Sie halten viele Jahre lang und lassen sich, wenn nötig, danach recyceln oder anderweitig verwenden. Möbel, die nur aus einem einzigen Material bestehen, werden deshalb für uns immer wichtiger.

Wie steht es mit technischen Spielereien?

Die sind extrem wichtig! Wir haben vor zwei Jahren den Aircub auf den Markt gebracht, eine Vorrichtung, die die Luft in Schränken frisch hält und parfümiert. Mithilfe von Ionisation bleiben die Kleider hygienisch frisch. Die Nachfrage nach solchen intelligenten Einrichtungsgegenständen, vor allem, wenns um Hygiene geht, ist dieses Jahr regelrecht explodiert. Als Nächstes wollen wir ein System für die Küche entwickeln, das etwa Geschirr sterilisieren kann.

MolteniC SDM18-Gliss Master design Vincent Van Duysen 02_HR

 Und bei den traditionelleren Möbeln?

Da haben wir immer Techniken im Blick, wie man sein Smartphone aufladen kann, indem man es auf den Tisch legt … Generell ist es unser Ziel, Kabel aus Innenräumen zu verbannen. Alles, was Licht und Ton erzeugt, soll möglichst via Smartphone bedient werden.

Die Designindustrie von Brianza wurzelt in Familienunternehmen wie Ihrem. Was sind die Stärken solcher Betriebe? Und was ihre Schwächen?

Ich kann nur für uns sprechen, aber die Tatsache, dass das Unternehmen von Generation zu Generation weitergegeben wurde, hat mir, meinen Geschwistern und Cousins sicher einen tiefen Respekt für das Savoir-faire eingeimpft. Wir sind in den Ateliers gross geworden, kennen jedes Stück bis zur kleinsten Schraube, haben die DNA des Unternehmens verinnerlicht. Das macht es leichter, Entscheidungen zu fällen. Auch schnell, wenn es sein muss.

Und die Schwächen?

Man neigt dazu, das Familien- mit dem Geschäftsleben zu vermischen … Wir sind sieben Personen, die die Geschicke der Firma in der dritten Generation lenken. Zum Glück arbeiten alle in anderen Abteilungen, ohne direkte Konkurrenz.

Haben Sie da noch Lust, gemeinsam Weihnachten zu feiern?

Und wie! Das würde nie jemand ausfallen lassen. Wir sind etwas dreissig Leute, die sich jeweils bei meiner Grossmutter treffen.

«Ich bin in einem Haus des Architektenpaars Afra und Tobia Scarpa aufgewachsen. Sehr hohe Fenster, offener Grundriss, Designermöbel überall. Schwer, da nicht einen Sinn für Ästhetik zu entwickeln.»

 

Wie wohnen Sie selbst?

In Mailand, in einem komplett renovierten Gebäude aus den 1970er-Jahren. Der Geschmack meines Mannes ist klassischer als meiner, also treffen wir uns in der Mitte. Zum Glück liebt er zeitgenössische Kunst, so sind wir uns wenigstens einig darüber, was an die Wände kommt. Ansonsten ist die Einrichtung recht zusammengewürfelt, mit vielen Souvenirs von unseren Reisen. Dazu das übliche Chaos, das drei Kinder halt so anrichten. Sie sind jetzt 8, 6 und anderthalb.

War Ihre Laufbahn innerhalb der Firma eigentlich von Anfang an entschiedene Sache?

Nicht wirklich… Auch wenn ich, wie alle in der Familie, mit einem grossen Bezug zur Schönheit und zur Kunst aufgewachsen bin. Mit meinen Eltern habe ich als Kind in einem Haus gelebt – ganz in der Nähe von hier, übrigens –, das ein Entwurf vom Architektenpaar Afra und Tobia Scarpa war. Sehr hohe Fenster, offener Grundriss. Und Designermöbel überall. Schwer, in einer solchen Umgebung nicht einen Sinn für Ästhetik zu entwickeln. Bevor ich in die Firma eintrat, arbeitete ich für das italienische Modehaus Loro Piana in New York. Dort hab ich viel über Luxus gelernt. Doch obwohl ich New York fantastisch fand, ist das in meinen Augen keine Stadt, in der man sein Leben verbringen will. Also bin ich 2007 nach Italien zurück, um für Molteni zu arbeiten. Ein recht spontaner Entschluss, übrigens.

Design und Mode gehen in Italien oft Hand in Hand. Welche Marke ist Ihnen nah?

Was den Chic und die Qualität angeht, haben diese beiden Metiers wirklich viel gemeinsam. Trotzdem bin ich kein Mode-Junkie. Ich kaufe lieber Vintage, wenn ich auf Reisen bin. Einzelstücke. Aber ich halte viel von Prada, zum Beispiel; die Marke ist so italienisch, so familiär. Und ich mag auch die Designs von Marta Ferri sehr. Sie ist eine Freundin der Familie und kreiert viele unserer Stoffe. Sie ist auch so eine, die als Kind in den Topf mit Schönheit gefallen ist: Ihre Mutter war Innenarchitektin, ihr Vater Modefotograf. Sie ist irrsinnig talentiert.

Letzten Sommer wurde der 1911 erbaute Leuchtturm von Brucoli auf Sizilien restauriert, der heute als Unterkunft für touristische und kulturelle Zwecke dient. Molteni wurde mit der Inneneinrichtung bauftragt.

Wir haben den Leuchtturm mit Designs von Gio Ponti bestückt, dem Grossmeister der italienischen Architektur. Das schien uns eine schöne Gelegenheit, seinem Erbe Reverenz zu erweisen.

Faro di Brucoli 08_HR

Apropos Erbe: Anfang 2021 eröffnet Ihr Museum auf der Firmen-Website. Man wird dort die Geschichte von Molteni in einem virtuellem Glaskubus erleben können, die Szenografie stammt vom israelischen Designer Ron Gilad. Täuscht es, oder möchte heute jedes Traditionsunternehmen sein eigenes Museum haben?

Nun ja, das ist verständlich. Denn erstens pflegt man so die eigene Geschichte, zweitens setzt man die aktuellen Kollektionen in einen historischen Kontext, verankert sie in ein Wertesystem. Für uns kam nicht infrage, im klassischen Sinn über unsere Firmengeschichte zu dozieren, stattdessen schicken wir unsere Besucher in einem Parcours auf die Spuren unserer Designer. Talente, die das Haus teils über lange Zeit begleitet haben und es einzigartig gemacht haben. Man darf die Vergangenheit nie vergessen.