INTERVIEW – Landschaftsarchitekt Enzo Enea glaubt an die kultivierte Natur: Er baut nicht nur Luxusgärten rund um den Globus, sondern betreibt am Zürichsee auch eine Altersresidenz für Bäume.

Von Paulina Szczesniak

Baummuseum Enea Landscape Architecture © Enea Landscape Architecture (2)Noch ist nicht viel los im Enea-Hauptquartier, an diesem Morgen im Mai kurz nach der Aufhebung des Lockdowns. Die paar Mitarbeiter hinter der provisorischen Plexiglaswand der Rezeption haben die Eingangshalle mit den hohen Fensterfronten für sich allein. An den Wänden signierte Drucke mit bunten Schmetterlingen von Damien Hirst; im Raum grosszügig präsentierte Outdoormöbel, Preis auf Anfrage. Alles ist hier weitläufig, geräumig, man ertappt sich dabei, wie man automatisch tiefere Atemzüge nimmt. Und inmitten von all dem: ein geradezu grandios langer Tisch.
«Eindrücklich, nicht? Er misst elfeinhalb Meter.» Enzo Enea ist, kaum merklich lächelnd, neben einen getreten. Blauer Tschopen über weissem Hemd, weite Stoffhose mit Seitenstreifen, ein relaxter General des Grünen. «Wollen wir fürs Gespräch in den Garten?» Mit schnellem Schritt durchmisst der 56-Jährige sein Reich, das seit drei Jahrzehnten wächst wie eine liebevoll gehegte Pflanze. Aus dem Gartenbauunternehmen, das er 1993 vom Vater übernahm, hat er eine weltbekannte Marke gemacht. 2008 zügelte man vom nahen Schmerikon nach Rapperswil-Jona, wo Enea ein 75 000-Quadratmeter-Areal von der Zisterzienserabtei Mariazell-Wurmsbach gepachtet hat – für 99 Jahre. Weitsicht, auch da. Verteilt auf den Hauptsitz und Zweigstellen in New York und Miami, erschaffen heute 270 Mitarbeiter die Gärten der Träume von Hoteliers, Firmengründern und Leuten wie Tina Turner oder George Harrison, oft Seite an Seite mit den renommiertesten Architekten der Welt: David Chipperfield, Rem Kolhaas, Tadao Andō, eben hat man den allerletzten Wurf der 2016 verstorbenen Zaha Hadid begrünt.
Das Herz dieses riesigen Organismus aber schlägt hier, am Ufer des oberen Zürichsees. Dutzende Büros für Landschaftsarchitekten, Ingenieure und – «sehr wichtig!» – die PR-Abteilung, dazu im Hauptgebäude, einem luftigen Quader von Chad Oppenheim, der Showroom sowie die hauseigene Schreinerei, wo Pergolas, Pavillons und Aussenküchen nach Mass entstehen. Ob Beleuchtung, Bewässerung, Unterhalt, Elektrik: Bei Enea gibts für alles Experten inhouse. Doch nicht nur das macht ihn in der Branche zum Unikum – sondern vor allem sein Baummuseum, eine parkähnliche Anlage auf dem Firmengelände, die zwei Gärtner rund um die Uhr auf Trab hält. Der Clou: Alles, was hier wächst – Feldulmen, Sumpfzypressen, Platanen, Magnolien, manche weit über 100 Jahre alt – , war zum Tod durch Fällen verurteilt, weil es einer architektonischen Umgestaltung im Weg stand. Bis Enea seine Verpflanzungsspezialisten anrücken und es nach Rapperswil-Jona bringen liess.
«Klar ist das aufwendig», gibt er zu. Eine Altersresidenz für Bäume kann man sich nur leisten, wenn dauernd Aufträge reinkommen. Bloss: Das tun sie. Selbst in der Krise konnte man durcharbeiten. Es ist, als habe hier einer in einer Zeit, da der Umgang mit der Umwelt immer komplexere Fragen aufwirft, den Spagat zwischen Wirtschaftlich- und Nachhaltigkeit geschafft. Und einen Weg gefunden, wie man die Natur für sich nutzen und ihr gleichzeitig mit Respekt begegnen kann.

Dieser Wahnsinnstisch in der Empfangshalle sei das Herz Ihres Betriebs, sagen Sie. Wie darf man das verstehen?

Das Holz der Tischplatte ist 40 000 Jahre alt. Es stammt von einem neuseeländischen Kauribaum, der ins Moor fiel und regelrecht mumifiziert wurde. Ich liess den Tisch vor elf Jahren bauen und habe diesen Raum im Grunde um ihn herum geplant. Wenn nicht gerade coronabedingte Abstandsregeln gelten, finden 33 Personen daran Platz.

Wie haben Sie die Krise erlebt?

Es war ungewohnt, sich drei Monate kaum von hier fortzubewegen. Aber das tat mir erstaunlich gut. Ich hatte Zeit, Dinge gründlich durch-zudenken, ab und zu gönnte ich mir einen Waldlauf. Eine globale Krise wie diese ist ein Moment der Wahrheit. Wie wir jetzt lernen, wird zeigen, ob wir wirklich zur Gattung des Homo sapiens gehören, wirklich «verstehende» Menschen sind. Ob Virus, Flüchtlingskrise oder Klimawandel, wir müssen uns auf eine Ethik der Verantwortung einigen.

Die Zwangspause der menschlichen Betriebsamkeit tat der Natur sichtlich gut. Sie setzen sich seit Jahren für einen rücksichtsvollen Umgang mit der Umwelt ein. Ist die Ko-Existenz von Mensch und Natur überhaupt noch möglich?

Es bleibt uns schlicht nichts anderes übrig. Wir sind einfach noch Kinder, die im Sandkasten spielen und nicht immer wissen, was wir tun. Globale Zusammenhänge zu sehen und zu verstehen, ist nicht einfach, Gewohnheiten zu ändern erst recht nicht. Wichtig ist, ein Ziel als Spezies zu haben. Ob wir dieses in 5 oder 50 Jahren erreichen, wird die Natur wenig kümmern. Dazu müssen wir Menschen uns aber als Einheit verstehen. Nicht nur im Jetzt, sondern in der Zeit. Unser Handeln muss generationenübergreifend wirken. Das bedingt eine neue Qualität des Altruismus. Wenn ich will, dass meine Enkel im Baumschatten liegen können, muss ich heute einen Baum pflanzen, auch wenn ich selbst nie davon profitieren werde.

Wir dürfen nicht bequem werden. Bequemlichkeit macht schwach.

 

 Sind wir zu viele auf zu wenig Raum?

Denken Sie an eine italienische Tavolata. Können Sie sich vorstellen, von einer solchen hungrig abgewiesen zu werden? Es hat für alle Platz, es hat immer genug. Man muss nur wollen. Wir dürfen bloss nicht zu bequem werden. Bequemlichkeit macht schwach.

Platz machen Sie auch im Baummuseum: Für Bäume, die eigentlich gefällt werden sollten.

Zum Beispiel diese drei Lerchen aus dem Berninagebirge, die 400 Jahre lang Lawinen getrotzt haben und dann ausgerechnet einer Lawinenverbauung weichen mussten. Wie alle Bäume hier wären sie im Abfall gelandet. Stattdessen spenden sie uns nun weiterhin Leben, mit Sauerstoff und Früchten. Und es kommen weitere Bäume hinzu, wir müssen das Museum ständig erweitern. Die Raumteiler zwischen den Bäumen bestehen übrigens aus Kalksteinquadern, wie sie früher mein Vater nutzte, um daraus Pflanzentöpfe hauen zu lassen. Sie funktionieren wie Bilderrahmen: Läuft man zwischen ihnen umher, ergeben sich immer wieder neue An-, Durchsichten und Zusammenspiele: Hier die Kirsche mit der Eibe, dort der dunkelrote Ahorn mit der orangen Azalee – farblich hat das etwas von den Seventies!

Copyright frei nur mit vorgängiger Anfrage an georg@av-media.at (Georg Schönwiese)

Ebenfalls vom väterlichen Betrieb stammt das riesige Freiluftregal mit Pflanzentöpfen aus Stein und Terracotta.

Ja, das ist so etwas wie ein überdimensionierter Setzkasten zu unserer Familiengeschichte. Mein Vater brachte die Gefässe von seinen Einkaufsreisen heim. Manche sind 2000-jährig und stammen aus dem alten Rom, aus Griechenland oder der Türkei. Sogar echte Medici-Töpfe aus dem 15. Jahrhundert sind darunter! In den 60er-, 70er-Jahren mass man solchen Töpfen noch keine kulturelle Bedeutung bei, heute dürfte man sie nicht mehr exportieren. Es sind Museumsstücke, die bei uns ideale klimatische Bedingungen haben, vor Regen geschützt und gut durchlüftet.

Um bis zu 20 Meter hohe Bäume zu verpflanzen, haben Sie eine streng gehütete neue Technik entwickelt…

Nur so viel: Normalerweise muss man einen Baum etwa so weit umgraben, wie seine Krone ausragt. Mit unserer Technik können wir viel näher an den Stamm ran. Dazu muss man die Wurzeln von Hand ausgraben, abwaschen und an ganz bestimmten Orten kappen, damit die Pflanze sofort Wasser ziehen kann. Das ist sehr heikel und personalintensiv. Bitte ja nicht zuhause nachmachen!

Sie haben nicht nur diese Technik erfunden, sondern auch einen neuen Beruf: den des Baumscouts.

Die Bäume, die Sie auf unseren Plänen sehen, sind keine Modelle. Jeden davon gibt es tatsächlich. Er wurde so ausgesucht, dass seine Form den Bedürfnissen des Bauherrn entspricht. Also brauche ich Spezialisten, die gezielt nach ganz bestimmten Bäumen suchen. Manchmal finden sie Exemplare, die wir nicht sofort verwenden können, die aber so einzigartig sind, dass wir sie auf Vorrat kaufen. Wir verfügen gewissermassen über eine Grand-Cru-Baumschule.

Im Baummuseum stehen auch Skulpturen zeitgenössischer Künstler. Nach welchen Kriterien kaufen Sie die Werke an?

So, dass sie der Natur ringsum noch mehr Stärke verleihen. Sodass man durch den Dialog mit dem Ort, der Kunst und der Natur einen Moment der Klarheit erlebt. Sylvie Fleurys fantastische, mit Chanel-Nagellack bemalte Riesenpilze zum Beispiel, die ein kleiner Seitenhieb gegen uns alle sind, die wir jeden Morgen aufstehen, um drauflos zu konsumieren. Oder Sergio Tappas «Animello», den er schuf, nachdem er beobachtet hatte, wie sich Elefanten mit ihren Rüsseln von einem toten Artgenossen verabschiedeten. Die Künstler nehmen die Inspiration aus der Natur, ich gebe ihre Werke der Natur zurück – damit sie bewusster wahrgenommen und letztlich geschützt wird.

Baummuseum, Enea Garden
Im Baummuseum am Zürichsee stehen nur Bäume, die gefällt hätten werden sollen.

Trifft man bei Ihnen zuhause auch auf Kunst?

Auf einzelne, gezielt platzierte Werke. Voll ist es aber nicht.

Sie haben Gärten für Tina Turner, George Harrison und andere Prominente gestaltet. Entstehen solche Projekte in kreativer Zusammenarbeit, oder haben Sie Carte blanche?

Starke Persönlichkeiten haben gern eigene Ideen. Aber erstens ist der gegenseitige Respekt immer da, zweitens will, wer zu Enea kommt, auch einen Enea-Garten. Ich sag’ Tina auch nicht, wie sie singen soll…

Sie entwerfen nicht Natur pur, sondern gebändigte Natur. Wie stark darf man in die Natur eingreifen, um sie zu verschönern?

Ich verstehe die Natur in unseren Arbeiten nicht als gebändigt, sondern als kultiviert. In dem Sinn, als ein harmonisches Ganzes möglich wird, wo alles vom Umliegenden profitiert, aber nicht auf dessen Kosten. Übersetzt auf einen Garten heisst das, dass der Mensch gar nicht stark eingreifen muss. Es reicht, die passende Pflanze für den passenden Ort zu finden. Dann fühlt sich diese so wohl, dass sehr wenig Pflege genügt. Es ist wie beim Segeln: Ist das Boot richtig in den Wind gestellt, brauchen Sie nichts mehr zu tun und verbrauchen keine Rohstoffe.

Sie verwenden im Zusammenhang mit Landschaftsgestaltung oft das Wort Integration. Was meinen Sie damit?

Sehen Sie den grossen Baum, der am See unten wächst? Ich habe hier auch einen gesetzt. Rechts sehen sie ein Wäldchen; das findet hier ebenfalls sein Pendant. Die Grasflächen auf dem Etzelgebirge korrespondieren mit dem Rasen hier. Ich male die Landschaft dreidimensional nach und schaffe so eine Verbindung zur Umgebung. Wenn man den Genius Loci respektiert, entsteht etwas Vertrautes, Stimmiges. Vielleicht sieht man es nicht, aber ganz sicher fühlt man es.

Wer zu Enea kommt, will einen Enea-Garten. Ich sage Tina Turner auch nicht, wie sie singen soll.

 

 Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie Ihre Liebe zu Bäumen erstmals spürten?

Sehr gut sogar. Ich war etwa sieben und bei meinem Grossvater in Norditalien zu Besuch. Er war Brunnenbauer und hatte einen grossen Gemüsegarten. Es war heiss, ich hatte keine Lust zur Gartenarbeit. Ohne ein Wort pflückte Grossvater einen Pfirsich, gab ihn mir und deutete mir an, hineinzubeissen. Es war der beste Pfirsich, den ich je gegessen habe – bis heute –, und während mir der Saft übers Kinn lief, begriff ich, was ein Boden hergeben kann und was ein Baum wert ist.

Gärten seien die letzte Spuren des Paradieses, sagten Sie einmal. Sind sie gläubig? Woran glauben Sie?

Natur hat schon etwas Göttliches, so perfekt, wie da alles konstruiert ist. Deshalb glaube ich an die Natur. Aber ich glaube auch an die Familie, an die Arbeit und daran, Werte für Generationen zu schaffen. Ich glaube, dass man nie aufhören sollte, zu staunen. Ich glaube, dass man an seinen Aufgaben wächst und es wichtig ist, «danke» und «bitte» zu sagen. Und manchmal glaube ich, wir sind schon im Paradies – aber sein Fluch ist, dass man es nur von aussen erkennt.

Sie sind rund um den Globus tätig. Wo finden sich die beeindruckendsten Gärten?

Seit jeher beeindruckt mich die japanische Gartenkunst durch ihre Schlichtheit, Tiefe und die Wertschätzung, die sie auch den vermeintlich einfachsten Pflanzen und Handlungen gegenüber hegt. Einfachheit und Wertschätzung: Werte, die es wieder zu verinnerlichen gilt.

Sie arbeiten oft mit Architekten zusammen. Wie wichtig ist das Ineinandergreifen von Bau und Umgebung?

Ich würde so weit gehen zu sagen, dass ein Bau ohne stimmige Umgebung nicht funktioniert. Der Architekt organisiert den Raum von innen nach aussen, der Landschaftsarchitekt von aussen nach innen; erst, wenn beides ineinander greift, entsteht ein harmonisches Ganzes. Es resultiert so auch mehr Fläche zum Leben. Leider werden Landschaftsarchitekten oft zu spät zu Projekten hinzugezogen. Dabei können sie so viel mehr aus einem Ort machen.

Eben haben Sie in Miami den Luxuswohnturm «One Thousand Museum» begrünt, eines der letzten Projekte der 2016 verstorbenen Zaha Hadid. Was war Ihr Konzept?

Hadids Architektur ist sehr futuristisch, zudem sprechen wir hier von einem Wolkenkratzer. Also braucht es Grün ringsum, das ihn nahbarer, im wahrsten Sinne des Wortes zugänglicher macht. Wir entschieden uns für einen mit Kokosnusspalmen bestückten Mangrovenwald, der auch Schutz vor den starken Winden vor Ort bietet.

Genesis Peking
2017 vollendet: Der Huadu-Komplex am Liangma-Fluss in Peking umfasst zwei Bürotürme (Architektur: KPF), das Bulgari-Hotel (Antonio Citterio) und ein Kunstmuseum (Tadao Andō). Für die Begrünung interpretierte Enzo Enea den traditionellen chinesischen Garten um, bei dem verschiedene Szenerien einander ablösen. Pinien als lebende Skulpturen halten den Komplex optisch zusammen.

Wird sich die Art, wie wir Städte begrünen, verändern?

Wünschenswert wäre, dass die Begrünung schon beim Bau mitgeplant wird und man sich nicht damit begnügt, einfach etwas zu pflanzen. Pflanzen haben Charakteristika, die man für den Ort nutzen kann. So gestaltet man Lebensräume und dekoriert nicht einfach Architektur. Der zur Verfügung stehende Raum muss von immer mehr Menschen geteilt werden. Eine ganzheitliche Sicht hilft, hier Lösungen zu finden.

Ein Traumprojekt für die Zukunft?

Eine Wüste zum Leben erwecken. Angefangen bei einer Oase, die sinn-bildlich für den Samen steht; von da aus würde das Projekt wachsen wie ein Baum, verästeln, neues Leben ermöglichen. Ein Ast dieses Lebensbaumes wäre eine Pfirsichplantage, die ich Grossvater widmen würde.