INTERVIEW Edward Barber, die eine Hälfte des Designerduos BarberOsgerby, erfindet Möbel, die das Leben einfacher machen. Ein Vor-Corona-Treffen in einem sehr schmalen Londoner Atelier.

 

Von Renata Libal

DEDON TIBBO collection designed by Barber & Osgerby (9)Die Glastür ist mit einem weissen Sichtschutz abgeklebt. Offenbar hat man es im Designstudio mitten im hippen Londoner Stadtteil Shoreditch – Bio-Cafés, Kreativfloristen, Start-ups – gern diskret. Am Tag unseres Besuchs, kurz vor der Corona-Krise, ist Edward Barber allein im Büro. Sein Geschäftspartner Jay Osgerby gönnt sich ein paar Tage Ferien. Seit 25 Jahren bilden die beiden das Studio BarberOsgerby und designen für die namhaftesten Firmen Möbel und Objekte, die das Leben einfacher machen. Aber Starallüren? Fehlanzeige. Jeans zum blauen Pulli, kräftiger Händedruck, that’s it. Der Sichtschutz am Eingang ist ein Überbleibsel der Olympischen Spiele von 2012: Damals hatten BarberOsgerby den Wettbewerb um die Gestaltung der Fackel für sich entschieden. Der Sicherheitsdienst des olympischen Komitees kam vorbei, inspizierte die Räumlichkeiten und verlangte, dass man sämtliche Gucklöcher abschirmte, Stichwort: Industriespionage. Das Team von BarberOsgerby tat wie geheissen, wenn auch unter spöttischen Kommentaren. Doch als ein paar Wochen später an einem warmen Sommertag ein Fenster offen stand, versuchte ein Schlitzohr mit Superobjektiv trotzdem, vom gegenüberliegenden Häuserdach aus Fotos von Skizzen auf dem Computerbildschirm zu schiessen. Seither gibt man sich im auf vier schmalen Etagen verteilten Studio sehr bedeckt, vor allem, wenn man Besuch empfängt. Wir bekommen bei unserer Visite nur leere Backsteinmauern zu sehen. Alles, was irgendwie nach Idee riecht, wurde sorgfältig in den Schubladen verstaut.
Insgesamt beschäftigen Barber Orgerby zirka 60 Personen. Ein Zehnerteam kümmert sich ausschliesslich um die Möbelprojekte. Die beiden Chefs sind aber auch als Architekten und Interior-Designer tätig (so haben sie etwa das «Ace»-Hotel gleich um die Ecke eingerichtet, ebenso eine Boutique von Stella McCartney), ausserdem beraten sie Kunden in Sachen Industriedesign und neue Technologien. Ihre bekannteste Kreation? Wohl jener Tisch aus schwarzer Bronze für Hermès, ein postindustrielles Totem von Möbel. Oder der stapelbare Stuhl On & On (für die US-Marke Emeco) aus recyceltem und recycelbarem Plastik. Und wohl bald auch die Couch, Soft Work für Vitra, mit integrierter, zwischen den Polstern verborgener Steckdose und schwenkbarem Laptoptisch. Die perfekte Chilloutzone für den modernen Arbeitsnomaden. Und wieder so ein Möbel, das man erfinden müsste … wenn Barber Osgerby es nicht schon getan hätten.
Ein Gespräch vor Ort – mit aktuellen Ergänzungen via E-Mail.

Edward – wie erleben Sie den Lockdown?

Jay und ich sind sonst nonstop unterwegs bei Kunden. Von dem her sind wir es gewohnt, mit dem Team via Videocall verbunden zu sein. Was fehlt, ist die kreative Stimmung, die entsteht, wenn man im selben Raum zusammenarbeitet. Nur am Bildschirm zu designen ist nicht so unser Ding. Hoffentlich sind wir bald zurück im Studio.

Dort stehen überall Bürotische. Dabei setzt Ihr jüngster Wurf, Soft Work, auf den Laptopnomaden, der überall und jederzeit arbeitet, gern auch vom Sofa aus…

Stimmt! Wir arbeiten viel mit Zeichensoftware, und die kommt auf grossen Bildschirmen einfach am besten zur Geltung. Für Textarbeit aber machen auch wir es uns am liebsten auf dem Sofa gemütlich.

 

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Unser Verständnis, unsere Definition von Arbeit hat sich also schon grundlegend gewandelt, würden Sie sagen.

Absolut. Das hat zum einen mit der neuen Technologie zu tun, die uns viel Freiraum schenkt, zum andern mit der Finanzkrise, wegen der seit Jahren viel Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt herrscht. Es gibt immer mehr selbstständig Erwerbende. Aber auch die grossen Firmen setzen zunehmend auf Home-Office, weil sich das für sie natürlich finanziell rechnet. Nur: Der Mensch ist ein soziales Wesen, das auf Dauer allein in seinen vier Wänden nicht glücklich wird. Deshalb arbeiten immer mehr Leute ein bisschen hier, ein bisschen da. Ihnen wollen wir das Leben so bequem wie möglich machen.

Wie kamen Sie auf die Idee dieses modularen Sofamöbels mit eingebauter Steckdose?

Als 2013 das «Ace»-Hotel eröffnete, fünf Minuten zu Fuss von unserem Büro entfernt, beauftragte man uns, den Empfangsbereich so einzurichten, dass er zu diesem jungen, experimentierfreudigen Quartier passt. Also haben wir uns einen Raum ausgedacht, in dem man sich auf einen Schwatz treffen und etwas verweilen kann, mit Sesseln und einem langen, mit Steckdosen ausgestatteten Tisch. Und was passierte? Ein Jahr nach der Eröffnung waren immer alle Sessel belegt, frühmorgens schon – nur Steckdosen hatte es da keine. Also schlängelten sich überall Verlängerungskabel zum Tisch hin, furchtbar! Zudem sassen die Leute in unmöglichen Haltungen da, den Laptop auf den Knien – und da machte es klick. Was der moderne Arbeitsnomade braucht, ist ein ergonomisches Sofa. Also haben wir für Vitra ein solches konzipiert.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das auf Dauer allein in seinen vier Wänden nicht glücklich wird

 

Der Schreibtisch ist also am Aussterben. Wo sonst wird das heutige Leben unsere vier Wände verändern?

Abgesehen davon, dass Arbeits- und Freizeit immer mehr ineinandergreifen, wird wohl die Küche noch wichtiger werden, als sie es ohnehin schon ist. Niemand hat heute noch ein Esszimmer oder zieht sich fürs Kochen zurück. Stattdessen wird gegessen, wo gekocht wird, mit der Familie und mit Gästen. Der Koch schnetzelt vor sich hin, die Gäste trinken einen Apéro, alles sehr relaxed. Ebenso verschwindet zusehends die Grenze zwischen drin und draussen.

Erklärt das den aktuellen Garten- und Terrassenhype?

Wenn das Klima immer wärmer wird, zieht es die Leute vermehrt nach draussen. Das merkt man auch in der Möbelbranche, wo immer mehr Outdoormöbel angeboten werden. Gleichzeitig sah man schon lang nicht mehr so viel Grün, so viele Pflanzen im Innenbereich. Es ist, als seien die Leute ausgehungert nach Natur, und wenn sie nur im Topf daherkommt. Architektonisch schlägt sich der Trend in grossen Fensterfronten nieder, wie man sie etwa in den Häusern rund um die Tate Modern sieht. Die Leute wollen mit der Umgebung verschmelzen.

Dann gabs auch plötzlich diese Badezimmer, die verglast mitten im Schlafzimmer stehen, vor allem in Hotels.

Das ist ein Trend, den ich nie verstanden habe. Wer will eine WC-Schüssel sehen, wenn er am Morgen die Augen aufschlägt? Ich jedenfalls nicht. In Privathäusern ist dieser Trend nie richtig angekommen. Man schätzt eben doch Intimität. Neulich habe ich Freunde in Paris besucht, die in einer dieser Altbauwohnungen leben mit kleinen Zimmern, wo man schön die Türen schliessen kann. Und ich hab mich dabei ertappt, wie ich es ganz angenehm fand, die einzelnen Aktivitäten räumlich voneinander zu trennen. Ich glaube, so ist man konzentrierter bei der Sache. Es kann sein, dass der Trend wieder in diese Richtung geht. Wer weiss.

Ich mag praktisches Design, meine Frau künstlerisch angehauchtes

 

Wie wohnen Sie persönlich?

Auf einer Baustelle. Meine Frau und ich haben uns eins dieser Londoner Reihenhäuser aus der Viktorianischen Ära gekauft. Es hat sechs Zimmer, verteilt auf vier Etagen, und wir sind grade dabei, Mauern einzureissen und transparente Wände einzubauen, eben genau, um den Garten ins Wohnzimmer zu holen. Aber bis wir mit den beiden Kindern einziehen können, wird es locker September.

Ihre Frau ist Ambra Medda, die Gründerin und Leiterin der Design Miami und Basel. Wie leben zwei Designspezialisten unter einem Dach?

Ich bin ein Freund des praktischen Designs, sie des künstlerisch angehauchten. Zum Glück ist die Schnittmenge der beiden Bereiche gross genug. Generell stehen wir beide auf viel freien Raum: Wir wollen das Haus zu seiner ursprünglichen Schlichtheit zurückführen.

Sie haben kürzlich auch die Verpackung eines alkoholfreien Getränks entworfen. Schlichter gehts nicht.

Was ist die Aufgabe von Design? Es geht nicht darum, etwas hübsch zu verpacken, sondern die Wahrnehmung von etwas zu formen. Die Getränke der Linie Jukes Cordialities, die unser Freund, der Weinexperte Matthew Jukes, entwickelt hat, sind wirklich interessant. Heute ist es wichtig, sich gesund zu ernähren; viele pflegen ein reges Sozialleben, aber hinterfragen zugleich ihren Alkoholkonsum. Sie wollen gesellige Abende aber nicht mit einem Glas Apfelsaft in der Hand verbringen. Also hat Jukes eine Getränkelinie entwickelt, die anspruchsvolle Geschmackserlebnisse bietet. Das soll die Verpackung unterstreichen: Es geht nicht um Verzicht. Es geht um die Besinnung auf das Wesentliche: den bewussten Genuss.

 

Copy of 1 & 6 - Boxes & Bottles - High Res

 

Ihre Inspiration ist also das reale Leben.

Immer! Nehmen Sie den Stuhl Tip Ton, den wir 2011 mit Vitra gemacht haben. Die Londoner Royal Society of Arts gab uns den Auftrag, einen praktischen, leicht verstaubaren Stuhl für ihre Studenten zu designen. Wir sahen uns erst mal an, wie der Unterricht abläuft, und stellten überrascht fest, dass die Art, wie man heute lehrt und lernt, sich stark gewandelt hat. Die Studenten arbeiten oft in Gruppen, bewegen sich im Raum, lehnen sich zu denen zurück, die hinter ihnen sitzen … So entstand die Idee eines Schaukelstuhls. Man kann nach vorn gelehnt dasitzen, den Rücken gut gestützt. Gleichzeitig ist es ein Stuhl, der einen in Bewegung hält. Inzwischen haben ihn viele weitere Schulen bestellt, etwa die ECAL in Lausanne. Aber sechs von zehn verkauften Stühlen gehen immer noch an Private. Manche schreiben uns sogar. Etwa jene junge Frau, die wegen Problemen mit der Wirbelsäule stets auf einen speziellen Stuhl angewiesen war. Heute benutzt nicht nur sie einen Tip Ton, sondern alle in ihrer Familie. Erstmals fühlt sie sich nicht stigmatisiert, wenn man zusammen am Tisch sitzt. Und endlich kann auch sie auf etwas Schönem sitzen! Wenn Design das schafft, dann stimmt es.

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Sie arbeiten seit jeher im Duo mit Jay Osgerby.

Ja. Wir haben uns 1992, während des Studiums am Royal College of Art. Uns verband von Anfang an, dass wir beide experimentierfreudig sind, gern neue Wege gehen. Ohne den anderen will keiner von uns mehr arbeiten. Wir sind geborene Herdentiere: Haben beide zwei Geschwister und halten viel von Austausch. Und von Solidarität.

Ihre Würfe sind sehr minimalistisch, wie Ding gewordene Haikus. Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Schwer zu sagen. Wir gehören nicht zu dem Schlag von Designern, die einem Ding ihre Bildsprache aufdrücken, damit es auch ja auf den ersten Blick als ihr Werk erkannt wird. Das macht in unseren Augen keinen Sinn, auch wenn uns das zweifellos mehr Aufträge bringen würde. Für uns ist zentral, dass wir innovativ sind. Die richtige Idee im richtigen Moment zu haben, darauf kommt es an. Darauf, dass schlussendlich etwas Sachdienliches herauskommt.

Und etwas Nachhaltiges.

Unbedingt! Seit Jahren pröbeln wir mit verschiedenen Materialien, wie etwa mit dem recycelten und recycelbaren Plastik für den Stuhl On & On. Wir hoffen, diesen Sommer zwei biologisch abbaubare Stuhlmodelle lancieren zu können. Aber eigentlich beginnt diese Denkweise schon an einem viel früheren Punkt: Man sollte keine Möbel entwerfen, die einem schnell verleiden. Sondern solche, die zeitlos sind. Das ist wirklich nachhaltig.

Andererseits haben wir alle Lust auf Veränderung. Die Möbel vom Grosi mögen noch so gut im Schuss sein, keiner wird sich einen Schrank mit Intarsien in die Stube stellen.

Warten Sie nur ab, das kommt wieder! Ich will ja kein Spielverderber sein, aber wir werden sicher wegkommen von der Art, wie wir heute Kleider kaufen. Die Garderobe der Zukunft ist gut durchdacht, konzentriert, praktisch. Da passt der gute, alte Kleiderschrank, den man einfach zügeln kann, wieder ins Konzept. Ich darf noch nicht zu viel verraten, aber wir entwickeln gerade ein Projekt, das dem begehbaren Ankleidezimmer Konkurrenz machen wird.

Man sollte keine Möbel entwerfen, die einem schnell verleiden

 

Viele Designer flirten derzeit mit dem Handwerk. Sie auch?

Wissen Sie, in den 1930ern, 1940ern wurde das Gros der Möbel hier lokal produziert, von Londoner Handwerkern. Die Skandinavier haben sich ihr Know-how bis heute bewahrt, trotz der Globalisierung des Markts seit den 60ern. Gut möglich, dass der Trend sich wieder in diese Richtung entwickelt. Nur schon, weil man sich so den Transport spart, der ja viel Geld und Ressourcen kostet.

B&O_London 2012 Olympic Torch_white

Wer von Barber Osgerby spricht, kommt bald auf die olympische Fackel zu sprechen. Ihr Paradestück?

Na ja, niemand wird gern auf ein einzelnes Stück reduziert. Aber ich gebe zu, dass wir stolz sind darauf, an einem solchen weltbewegenden Event beteiligt gewesen zu sein. Ich finde, London als Austragungsort hat das damals gut gepackt. Wir verdanken den Spielen von 2012 einige schöne Parks und viele tolle Unterkünfte. Und es war das einzige Mal in meiner Karriere, dass Taxifahrer mich darum baten, mit ihnen für ein Selfie zu posieren. Und es war natürlich toll, dass die Fackel so viel positive Resonanz hatte, sowohl von Designprofis als auch vonseiten des Publikums.

Und London? Mögen Sie es, hier zu leben?

Mehr denn je. Die Lebensqualität hat in den letzten Jahren wirklich zugenommen. Die durchmischte Bevölkerung macht die Identität dieser Stadt aus. Das merkt man nur schon den Restaurants an.

Und der Brexit?

Um London mache ich mir keine Sorgen. Eher um die ländlichen Regionen. Aber jetzt sind die Würfel gefallen, da hilft es nicht, darauf zu pochen, dass man dagegen war. Meine Schwester ist Tierärztin und hat oft mit Landwirten zu tun. Viele sagen ihr, sie seien im Lauf der letzten Jahrzehnte ein Rädchen in einem riesigen kontinentalen Getriebe geworden, ein Werkzeug, um an Subventionen zu kommen. Vielen ist der Stolz auf das, was sie tun, abhanden gekommen. Vielleicht ist nun der Weg frei zu einem landwirtschaftlichen Aufschwung. Das wäre immerhin etwas.