SWISS MADE – In den Sechzigern stand in jeder gut sortierten Schweizer Hausbar ein Jsotta-Wermut. Nach 20 Jahren Produktionspause gibts ihn heute wieder – mit ein paar kleinen Änderungen. Ein Fabrikbesuch.

Von Paulina Szczesniak (Text) und Lea Meienberg (Fotos)

Vor langer, langer Zeit, da gabs in Schweizer Haushalten so was wie eine heilige Dreifaltigkeit: Aromat, Ovomaltine und – Jsotta. Doch während die Streuwürze und das Malzgetränk, von Foodtrends und Trendfoods ungerührt, ihren Platz im Chuchichäschtli behaupteten, ging dem Wermut aus Stadtzürcher Produktion kurz vor dem Millennium der Schnauf aus. Waren in den 60ern noch eine halbe Million Flaschen pro Jahr über den Ladentisch gegangen, schrumpfte der Absatz Ende der 90er auf weniger als ein Zehntel davon. Wer noch Wermut trank, setzte auf den italienischen Martini oder sonst eine Marke aus der grossen, weiten Welt. Beim Zmorge mochte man auf gute alte Werte setzen, beim Apéro aber wollte sich niemand als Bünzli outen.

Aber wie das so ist: Die Zeiten ändern sich. Zwanzig Jahre nach dem Jsotta-Grounding hat Swissness eine gewisse Coolness. Und so wird seit 2017 in einer Industriehalle in Winterthur alle paar Wochen wieder Wermut abgefüllt. Einen Tick weniger bitter als das Urprodukt zwar, und neu mit ausschliesslich Schweizer Zutaten. Sonst aber ist das eine richtige kulinarische Wiedergeburt, die da vonstatten geht: angefangen bei den leeren Flaschen (aus Neuglas übrigens, weil sich Recyclingglas wegen des immensen Reinigungsaufwands nicht bewährt hat) bis hin zum Verpacker, der die verkaufsfertigen Flaschen ein letztes Mal kontrolliert, bevor er sie in Sechserkartons und aufs Palett lädt.

Dazwischen bringt jede Flasche einige hundert Meter Fliessbandweg hinter sich. Überall surren, zischen, pfeifen Maschinen: Die, welche die leeren Flaschen kurz auf den Kopf stellt und – pfff! – einen Luftstoss reinbläst, um auch das allerletzte Staubfitzelchen rauszupusten. Die, welche die Griffkorken in die vollen Flaschen drückt. Die, welche die Schrumpfkapsel (das Kunststoffmützchen, das man vor dem ersten Öffnen entfernt) mittels Heissluft auf dem Flaschenhals fixiert. Die, welche die frisch etikettierten Flaschen so zwischen rotierenden Schaumstoffrollen hindurch bugsiert, dass garantiert alles perfekt fixiert ist.

Die verschwundene Fabrik

Und natürlich die, welche die Flasche mit Wermut befüllt und gleichzeitig Luft absaugt. «Ein Rolls-Royce von Unterdruckfüller ist das», kommentiert Lebensmittelingenieur Martin Strotz, der uns durch die Anlage führt. Er muss es wissen: Seit über einem Vierteljahrhundert arbeitet Strotz bei Lateltin, der Schweizer Firma, die Jsotta erfunden hat und neben dem Kultwermut auch die farbigen Bull-Wodkaliköre, die Berghof-Fruchtdestillate, den Genuine-Gin und viele weitere bekannte Getränke herstellt. Strotz war dabei, als es 2007 im angestammten Gelände in der Zürcher Binz endgültig zu eng wurde und man – aufbruchsfreudig, aber wehmütig – ins Winterthurer Industriegebiet zügelte. Er war dabei, als Patron Berthold Pluznik von der Besitzerfamilie die Leitung 2013 an Sandro Vetterli übergab. Und, als dieser kurz nach seinem Eintritt die Firmenspitze dafür begeisterte, die Jsotta-Produktion wieder aufzunehmen.

2017 war dafür der perfekte Zeitpunkt: Hipster eröffneten Wermutbars, die neue Lust am Ursprünglichen und Lokalen gab der Jsotta-Renaissance zusätzlich Aufwind. «Seit 1899» steht jetzt auf dem Etikett, wie damals beim Urprodukt. (Obs stimmt, weiss keiner. Belegt ist nur, dass es Jsotta schon gab, als Berthold Pluzniks Vater Abraham 1934 als junger Bursche in die Firma Lateltin eintrat. Und die gibts tatsächlich schon seit 1899.) Nur die gezeichnete kleine Fabrik mit rauchendem Schlot hat man vom Etikett verbannt und mit einer klimaneutraleren Miniatur des Zürcher Stadtkerns ersetzt.

Und das Rezept? Martin Strotz schmunzelt. «In Jsotta ist nicht nur Wermutkraut drin. Es sind 25 Kräuter.» Welche? Streng geheim! Mehrere Wochen darf der Wein, der die Basis des Apérogetränks bildet, all die Aromen absorbieren. Entsprechend wunderbar riecht es in der Produktionshalle, wo Tausende Liter davon in silberglänzenden Tanks auf die nächste Abfüllung warten.

Eine Frage noch: Ganz so italienisch, wie sich Jsotta seit jeher auf dem Etikett gibt – «Vino Fino Qualità Superiore» – ist er ja nicht. Strotz lacht. «Aber der Chef von Pluznik Senior fuhr einen Isotta Fraschini, ein absolutes Luxusauto in den 1930ern – und liess sich da ein wenig inspirieren.»

 

Der Kopf hinter dem Produkt:
Sandro Vetterli

Dem 53-jährigen Zürcher ist es zu verdanken, dass es Jsotta heute wieder gibt: Als der Betriebsökonom 2013 vom Reinigungsmittelhersteller Reckitt Benckiser als CEO zu Lateltin stiess, realisierte er, dass der Wermut, den sein Grossvater einst so gern am Feierabend getrunken hatte, zum Firmenportfolio gehörte. Vetterli nahm sich mit den Lateltin-Lebensmitteltechnologen das Originalrezept vor, passte es an den Zeitgeist an (sprich: machte es weniger bitter) und bestand auf Schweizer Ingredienzen von A bis Z. Sein Favorit? Jsotta rosso – mit Gents Ginger Beer auf Eis.