Es kribbelt in den Fingern. Sobald man die zarten rosafarbenen Blüten erblickt, möchte man mit den Fingerkuppen über die samtweichen Blätter einer der zahlreichen Blumenköpfe fahren und in den honigfarbenen Blütenstaub tunken: Willkommen in Grasse, der Welthauptstadt des Parfums, wo einmal im Jahr, für kurze vier Wochen, die Blüten der Rosa centifolia im Klima der Haute Provence blühen. Die Stadt Grasse, im französischen Departement Alpes-Maritimes, gilt als Mekka der kostbaren Rose. Hier wurde bereits im 16. Jahrhundert der lieblichste aller Parfumdüfte entwickelt, um die wenig delikaten Gerüche der Ledergerbung zu überdecken. Es hätte allerdings nicht viel gefehlt, und die französischen Produzenten wären von der Konkurrenz in der Türkei und Nordafrika vom Markt verdrängt worden.

Luxusmarken unterstützen lokalen Anbau

Nun gedeihen die zarten Pflanzen im rauen Klima der windigen Küste am Fusse des Astral-Bergmassives und im hiesigen ton- und kalkhaltigen Boden, der klebrig und gleichzeitig hart wie Beton ist, am besten. Es scheint, als müsste die Rose etwas roh behandelt werden – ein Hauch eisige Kälte im Winter und tropische Hitze im Sommer –, damit sie besonders süss duftet. Dass lokale Landwirte die rare Blume auch heute noch in Grasse anbauen können, ist der Unterstützung grosser französischer Luxusmarken zu verdanken, die sich verpflichtet haben, jeweils die gesamte Ernte zu kaufen. Zu diesen Produzenten gehören Armelle Janody und ihr Mann Hervé, die seit 5 Jahren auf ihrer Farm Clos de Callian Rosen und weitere Pflanzen für die Parfumproduktion in Bioqualität anbauen. Keine leichte Aufgabe: Über 20‘000 Rosensträucher wollen gehegt und gepflegt werden. «Es kommt vor, dass ich mitten in der Nacht aufstehe, wenn das Wetter sich zunehmend verschlechtert, um mich um die Pflanzen zu kümmern», sagt Armelle Janody. Die gesamte Ernte des Hofes geht an den Luxusbrand Christian Dior, der diesen Herbst eine neue Ausgabe des berühmten Duftes Miss Dior lanciert. Das Parfum, welches den Rosen aus Grasse gewidmet ist, trägt den Namen Miss Dior Absolutely Blooming.

Seltene Pflanze

Die Rosa centifolia hat am meisten von der Wiederaufwertung der wohlduftenden Pflanzenwelt in Grasse profitiert. Ein Rosenstock ist nach drei Jahren reif für die Produktion und kann während rund 15 Jahren geerntet werden. «Vielleicht können wir die Erntezeit durch den biologischen Anbau noch verlängern», sagt Janody. Jedoch gibt es nur einen einzigen Lieferanten, der das Ehepaar mit Rosenstöcken in Bioqualität beliefern kann. «Wenn ich ihn anrufe, um zu sagen, dass ich noch 3000 Stöcke benötige, fragt er mich, ob ich ihn ins Grab bringen will», sagt Janody lachend. Doch erhalte sie die gewünschten Blumen immer. Bei anderen Pflanzen, wie etwa der Tuberose, sei es noch schwieriger, genügend Stöcke zu erhalten.

Die Erntezeit der Mairose beschränkt sich auf Ende Mai bis Ende Juni. Gepflückt werden die geöffneten Blüten jeweils am Morgen in aufwendiger Handarbeit. Die Enfleurage, das Verfahren zur Gewinnung feiner Blumendüfte für Parfum, wird aus Qualitätsgründen am selben Tag durchgeführt. Nur so kann sich die ganze Palette an olfaktorischen Noten – von frisch und würzig über zitrusfruchtig bis pfeffrig  –  richtig entfalten.  Im  Parfum La Colle Noire – benannt nach dem Schloss, das Christian Dior auf dem Hügel hoch über dem Land gebaut hat – sticht vor allem die scharfe Komponente heraus: «Ich wollte die Schönheit und Wechselhaftigkeit des kleinen Tals Fayence, in dem der Mistral mal für extreme Kälte und mal für grosse Hitze sorgt, wiedergeben. Die Mairose vereint all diese Facetten», sagt François Demachy, Chefparfumeur von Dior.

Am Ende unseres Besuchs fragen wir, was Armelle Janody dazu bewegt, ihr Leben der Aufzucht dieser heiklen Pflanze zu widmen. «Ich wollte einer landwirtschaftlichen Arbeit nachgehen, bei der ich mich schmutzig mache und Wind und Wetter ausgesetzt bin. Dass diese Arbeit schlussendlich so etwas Schönes gedeihen lässt, ist für mich pure Poesie.»