Der Scribe Novo von Bally steht für Schweizer Schuhmacherkunst vom feinsten. Das Modell, das es seit 1951 gibt, wird noch immer im Tessin von Hand gefertigt. Ein Fabrikbesuch.

Von Estelle Lucien (Text) und Lea Meienberg (Fotos)

 

 

SWISS MADE Caslano. Zwanzig Minuten Fahrt von Lugano entfernt liegt das 5000-Seelen-Städtchen, direkt am westlichsten Zipfel des Lago di Lugano und nah an der italienischen Grenze. Unser Ziel befindet sich allerdings weder am Lido noch in einer der gepflasterten Gassen, sondern etwas ausserhalb: die Fabbrica Bally. Auch wenn die Taditionsmarke mittlerweile zur JAB Holding der deutschen Unternehmerfamilie Reimann gehört und einen Grossteil der Produkte in Italien produzieren lässt, ihr Hauptquartier bleibt Caslano. Denn hier werden seit den 1980ern gut 200 000 Paare Schuhe pro Jahr hergestellt – und Schuhe sind es, nach wie vor, für was das Herz dieser Firma am lautesten schlägt.

Auch das Modell Scribe Novo kommt aus Caslano. Der 1951 von Max Bally, dem Enkel des Patrons, zur Feier des 100-jährigen Firmenjubiläums entworfene Herrenschnürer verdankt seinen Namen kurioserweise dem Hotel Scribe in Paris, wo Max zu nächtigen pflegte. Zwischen 700 und 1000 Franken muss hinblättern, wer sich den eleganten Klassiker zulegen will. Kein Wunder: Für ein Paar dieses Bally-Bestsellers sind über zwanzig Einzelteile – Zungen, Spitzen, Schaft, Blatt, Fersenkappen – aus erstklassigem Leder sowie 200 Arbeitsschritte nötig, ausgeführt von geübten Händen. Sehr geübten, sogar: Nur Schuhmacher mit etwa zehn Jahren Erfahrung dürfen sich an den Scribe Novo wagen. Vorher bekommt man beispielsweise das Broguing – die dekorative, gelöcherte Linie, die in einer einzigen Handbewegung an der Nähmaschine aufs Leder «gezeichnet» wird – niemals hin.

Ist der Schaft fertig, wird sein Leder über Dampf geschmeidig gemacht und auf einem Spanner geformt. Der Schuhmacher hantiert dazu mit dem Hammer, schneidet Überschuss weg und kontrolliert seine Arbeit regelmässig mittels eines Spiegels. Ist er mit dem, was er sieht, zufrieden, kommt die Innensohle drauf. Und dann muss der künftige Scribe Novo erst mal zwei, drei Tage ruhen: So lang, bis der Leim trocken ist.

Das geheimnisvolle Eckchen

Anschliessend ist es Zeit für die Zwischen-sohle – genauer: drei davon, allesamt aus Leder – und für den Schuhrahmen, der mit der Goodyear-Technik angebracht wird. (Deren Erfinder, Charles Goodyear, war zwar Kautschukspezialist, hatte aber mit den gleichnamigen Pneus nichts zu tun.) Bally war 1896 eine der ersten Firmen, die diese Methode anwandte – und hält bis heute daran fest: Dank eines (von Auge erkennbaren) Lederstücks, das den Schuh mit der Aussensohle verbindet, ist es möglich, den Scribe Novo bei Bedarf komplett neu zu besohlen, ohne den eigentlichen Schuh in Mitleidenschaft zu ziehen. Etwas, das ein Spitzen- von einem Durchschnittsprodukt unterscheidet. Bei Bally ist man stolz darauf, dass ein Scribe Novo so eine Lebensdauer von bis zu 20 Jahren erreichen kann.

Längerfristig denken ist ein Konzept, das sich bei Bally freilich nicht auf die Produkte beschränkt. Als Mitunterzeichner von Fashion Pact – einer weltweiten Allianz, die darauf abzielt, ökologische Nachhaltigkeit in der Mode zu fördern – engagiert sich die Firma für das Projekt Peak Outlook, bei dem der Mount Everest einmal jährlich von Abfall gereinigt wird. Schliesslich trug Edmund Hillary bei seiner Erstbesteigung dieses höchsten Gipfels der Welt im Jahr 1953 Bally-Bergschuhe. Das verpflichtet.

Qualität, die sich im Gebrauch zeigt und nicht nur in der Form: Diese Denkweise kommt sehr schön in einem Detail des Scribe Novo zusammen. An den Innenseiten der Absätze ist ein winziges Eckstück abgeschliffen. Dieser fehlende Gentleman’s Corner verhindert, dass der Träger am Hosensaum hängen bleibt. Und der allerletzte Schliff? Nennt sich hier Finissaggio und beruht darauf, dass jeder Scribe Novo auf Hochglanz poliert wird mit einem um Zeige- und Ringfinger geschlungenen Chiffontuch, das kreisend übers Leder bewegt wird. Gut eine halbe Stunde pro Schuh dauert das. Danach folgen, als krönender Abschluss, die Schuhbändel.

Pro Tag verlassen so 100 bis 200 Paare die Fabrik. Die meisten kommen irgendwann zurück – zum Neubesohlen. Bally-Chef Nicolas Girotto freuts: «Die Liebe zur Qualität, die wir in den Schuh fliessen lassen, spürt der Kunde – und er pflegt sie weiter.»

Der Kopf hinter dem Produkt:
Nicolas Girotto

Bally CEO, Nicolas Girotto_1

2015 stiess Nicolas Girotto zu Bally, 2019 wurde er CEO. Es liegt dem gebürtigen Franzosen viel daran, die Schweizer Wurzeln der Firma zu pflegen, die 1851 von Carl Franz Bally im solothurnischen Schönenwerd gegründet wurde: «Beim Swiss made mache ich keine Kompromisse. Das Attribut steht für höchste Standards, angefangen bei den verwendeten Materialien und bis hin zum Respekt für das Handwerk.» Für Girotto bringt die Fabrik in Caslano auch eine Verpflichtung gegenüber der Lokalbevölkerung mit sich: So unterstützt die Fondation Bally die Tessiner Kulturszene.