INTERVIEW Seit zwei Jahren ist Kim Jones Kreativchef von Dior Homme. Der Brite knüpft eng ans Erbe des legendären Firmenvaters an – aber setzt dabei, very contemporary, auf Kollaborationen.

Text Valérie Guédon ©le figaro

Sweatshirt und Anzughose, dazu Sneakers und eine diamantgefasste Uhr: Kim Jones machts wie seine Klientel – und paart edle Stücke gern mit etwas Popkultur. Seit der Brite im März 2018 die kreative Leitung der Herrenlinie von Dior übernommen hat, scheint das Traditionshaus an der Avenue Montaigne in Paris wieder zu jener Verspieltheit zurückgefunden zu haben, die Monsieur Dior selig einst pflegte. Gleich mit seiner ersten Kollektion (Frühling/Sommer 2019) gelang dem Abgänger des renommierten Londoner Central Saint Martins College das Kunststück, sowohl klassisch ausgerichtete Babyboomer wie experimentierfreudige Millennials abzuholen – dank einem verblüffend gut funktionierenden Mix aus pastellig-geblümten, genderverwischenden Würfen und sicheren Werten. Jones’ Erfolgsrezept? Eine Verneigung vor dem Erbe des Hausherrn, dazu tiefe Liebe fürs Schneiderhandwerk … und Spass an unkonventionellen Joint Ventures.

Sie sind der erste Chefdesigner der Dior-Herrenlinie, der so eng ans Erbe von Firmengründer Christian Dior anknüpft.

Stimmt. Ich bin besessen von den Firmenarchiven. Sie zu studieren, war für mich eine unbeschreibliche Erfahrung, das hat mich enorm inspiriert. So haben wir zum Beispiel im Sommer 2019 die «Tailleur oblique» neu aufgelegt, die legendäre Jacke aus der Herbst-/Wintersaison 1950. Ursprünglich hatte sie eine diagonale Knopfleiste. Meine Version ist ein Blazer, der mit einem einzigen Knopf verschlossen wird. Ich finde es interessant und wichtig, Coutureklassiker mit frischem Blick zu betrachten, ihnen aber gleichzeitig den Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen. Meiner Ansicht nach ist das Oeuvre von Christian Dior ziemlich viril, wenn auch nicht auf den ersten Blick. Unsere Kunden schätzen eine formale Garderobe von allererster Qualität – aber so, wie man sie sonst nirgends sieht. Genau darin ist unser Atelier unschlagbar.

Karl Lagerfeld hat meisterhaft vorgemacht, wie man Luxus eine zeitgenössische Note verleiht

 

Inwiefern unterscheidet sich Ihre Vision für Dior Homme von jener Ihrer Vorgänger Hedi Slimane (2001–2007) und Kris Van Assche (2007–2018)?

Es wäre für niemanden interessant, wenn ich wiederholte oder weiterverfolgte, was meine Vorgänger gemacht haben. Die Welt hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, da ist es sinnvoller, das zu machen, was jetzt, 2020, gut für Dior ist. Zwar habe ich stets die DNA der Häuser, für die ich gearbeitet habe, respektiert – erst Dunhill, dann Louis Vuitton, jetzt Dior –, dabei aber immer versucht, das jeweilige Erbe in die Gegenwart zu tragen. Karl Lagerfeld hat meisterhaft vorgemacht, wie man Luxus eine zeitgenössische Note verleiht. Was er für Fendi und Chanel getan hat, ist phänomenal. Das Modehaus ist die Signatur – aber der Designer entscheidet über die Schriftart.

Ihre Idee für Dior war es, der Marke wieder mehr Farbe und Leichtigkeit zu schenken. Ist Ihnen das gelungen?

Ich glaube, ja. Dior wurde 1946 gegründet. Nach dem Krieg war es wichtig, eine gewisse «joie de vivre» (er sagt es auf Französisch) aufleben zu lassen, und Dior war daran wesentlich beteiligt. Das hat mir Bernard Arnault (seit den späten 80er-Jahren Mehrheitseigner von LVMH, Anm. d. Red.) in Erinnerung gerufen, als ich ihn zum ersten Mal traf. Jetzt arbeite ich kontinuierlich daran, diese Lebensfreude, diese Leichtigkeit zu reanimieren. Und die Verkaufszahlen sind bisher gut, die Kritiker zufrieden.

Sie waren einer der ersten, die Sportswear salonfähig machten. Viele sehen diesen Trend nun zu Ende gehen.

Das würden sie nicht sagen, wenn sie nach Asien schauten. Oder nach L.A., London oder in sonst eine Grossstadt. Der Trend hält noch eine Weile an, glauben Sie mir. Es stimmt zwar, dass die Herren, insbesondere die jungen, wieder Lust auf etwas mehr Luxus haben. Meine letzte Winterkollektion war entsprechend recht formell, und ganz ehrlich: Ich halte sie für meine bisher beste. Anzüge sind ein wichtiger Teil unseres Business. Aber: Man trägt sie nicht jeden Tag. Wir verkaufen massenweise Parkas und Sneakers. Und ich will mich dem, was im Alltag getragen wird, nicht verschliessen.

Die Mode dekliniert ja derzeit alle möglichen Formen von Maskulinität durch …

Ja, aber wissen Sie was? Genderfluid war auch 1920 ein Thema. Bundfaltenhosen, Pullis mit Rundhalsausschnitt, weisse Blusen: Sie waren schon die Markenzeichen von Marlene Dietrich und Coco Chanel. Oder denken Sie ans 18. Jahrhundert: Da putzten sich die Herren mindestens so heraus wie die Damen. Die Codes von Weiblichkeit und Männlichkeit verändern sich mit der Mode. Und auch wenn das uns Designer umtreibt, die grosse Masse interessiert das nicht sonderlich. Heute früh fuhr ich im Eurostar, und keiner, der im Zug sass, hat gross gendermässig experimentiert. Jeder trägt mehr oder weniger dasselbe, bloss jeder auf seine Art und Weise.

Was halten Sie von den «Prozessen», die Designern regelmässig gemacht werden, wegen angeblicher kultureller Appropriation?

Die meisten Kulturen waren doch immer schon offen gegenüber Einflüssen von aussen. Man findet Drucke kambodschanischer Stämme auf griechischen Textilien; entlang der gesamten Seidenstrasse kann man eine gemeinsame Sprache ausmachen. Ich finde den Gedanken, dass eine Kultur sich auf eine einzelne Gruppe von Menschen beschränken soll, heikel und langweilig. Es ist wichtig, die Vielfalt in der Welt wertzuschätzen. Ich bin auf dem afrikanischen Kontinent aufgewachsen (als Sohn eines globetrottenden Hydrogeologen, Anm. d. Red.). Andere Sitten kennenzulernen habe ich immer als bereichernd empfunden.

Accessoires sind enorm wichtig, gerade für die Herrengarderobe

 

Sie haben in Ihrer Karriere zahlreiche ungewöhnliche Kollaborationen angeregt. Mit Nike zum Beispiel, oder, als Chefdesigner bei Louis Vuitton, mit Supreme. Letzten Oktober ging eine Capsule Collection aus einem Joint Venture zwischen Dior und Rimowa hervor. Was reizt Sie an solchen Zusammenarbeiten?

Ich will immer Neues lernen . Und zwar vom jeweils Besten auf jedem Gebiet. Darum die Zusammenarbeit mit Nike: Im Bereich Sportswear gibt es keinen besseren. Und was Rimowa angeht: Ich benutze ihre Koffer persönlich schon seit vielen Jahren. Und als sich die Chance bot, mit dem besten Gepäckhersteller überhaupt zusammenzuarbeiten, habe ich sie eben gepackt. Die Fabrikationsprozesse bei Rimowa fand ich ausserordentlich interessant.

Na ja, in Ihren Händen wurden die Koffer ja eher zu It-Bags.

Ich wollte vor allem kleine Formate, weil ich an all jene Kunden dachte, die mit ihren Uhren und ihrem Schmuck verreisen und nach einem Behältnis suchen, in dem sie ihre Preziosen sicher und gut geordnet transportieren können. Accessoires sind enorm wichtig, gerade für die Herrengarderobe. Dass in den Dior-Rimowa-Stücken auch das iPhone und das Portemonnaie Platz finden – umso besser.

Ich war einer der ersten Stylisten, die einen Facebook-Account hatten

 

Sie sind sehr aktiv auf Instagram.

Ich interessierte mich schon zu My-Space-Zeiten für die sozialen Medien. Ich glaube, ich war einer der ersten Stylisten, die einen Facebook Account hatten. Instagram (diorbykimjones) nutzte ich zunächst, um Freunde über meine Aktivitäten auf dem Laufenden zu halten, und irgendwann realisierte ich, dass es auch eine grossartige Plattform ist, um zu testen, wie unsere Produkte bei den Kunden ankommen. Und ja, irgendwie wurde das zu einer grossen Sache. Jetzt werde ich an Flughäfen häufiger erkannt, aber was solls, ich finde es stimulierend, mich mit potenziellen Kunden auszutauschen.

Mit Ihrer Frühling/Sommer-Kollektion 2020, die Sie vergangenen Juni vorgestellt haben, werfen Sie die Frage auf, was von den aktuellen Tendenzen in 50 Jahren noch übrig sein wird. Wenn Sie wünschen dürften: Welcher Aspekt Ihrer Arbeit soll dann noch Bestand haben?

Wichtig ist mir vor allem, dass die Liebe zum Schneiderhandwerk bestehen bleibt oder, besser noch, zunimmt. Die Leute erleben die Welt zunehmend via Bildschirm; umso dringlicher ist es, dass die Realität nicht zu kurz kommt, das Savoir-faire, das ein Luxusprodukt erst ermöglicht. Immer weniger Menschen verstehen, was den hohen Preis eines Luxusstücks rechtfertigt. Diejenigen, die einen hochwertigen Artikel herstellen, wissen, was er an Know-how, an Material und an Zeit verschlingt. Es wäre wunderbar, wenn dieses Bewusstsein auch an die Konsumenten weitergegeben werden könnte.

 

Dans un décor et une scénographie signées de l’artiste américain Daniel Arsham, la collection printemps-été Dior Homme et la capsule Rimowa. © Bett Llyod
© Bett Llyod

Die Frühling/Sommer-Kollektion 2020 von Dior Homme fügt sich prima in die Kulisse von US Künstler Daniel Arsham ein.